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Panorama Einkaufs-Terror

Was man als Supermarkt-Kassiererin erlebt

Redakteur
Acht Jahre lang war sie Kassiererin: Anna Sam Acht Jahre lang war sie Kassiererin: Anna Sam
Acht Jahre lang war sie Kassiererin: Anna Sam
Quelle: Ollivier/Bertelsmann
Acht Jahre lang bediente die Französin Anna Sam Kunden. Ihr Buch "Die Leiden einer jungen Kassiererin" wurde zum Bestseller. Darin beschreibt sie den oft absurden Alltag im Supermarkt. Kunden, die fragen: "Haben Sie offen?" oder den leeren Wagen in die Schlange stellen und dann die Waren holen.

Zu den absurdesten Szenen an diesem so reichhaltig ausgestatteten Ort kommt es, wenn normale Menschen eine Frage stellen. Sie nähern sich im Supermarkt der Kasse, wägen ihre Chancen ab und steuern zielstrebig auf eine dort sitzende oder noch stehende Dame zu. „Sind Sie offen?“ heißt es dann. Oder auch in der grammatikalisch verschärften Variante: „Haben Sie offen?“

Bei Licht betrachtet, weiß man nicht, was dies heißen soll. Schon klar, was der Frager will, die Konkurrenz übertölpeln nämlich. Aber hinter „Sind Sie offen?“ steckt ein Missverständnis der gröberen Art, und selbstverständlich reduziert es einen Menschen, nämlich die Kassiererin, auf ihre bloße Funktion, als sei sie ein Teil der Maschine, die Artikel verrechnet und abschließend einen Beleg ausspuckt. Und jetzt bitte mal vortreten, wer noch nie an der Supermarktkasse „Sind Sie offen?“ gefragt hat. Na also. Erwischt.

Anna Sam (29), die Expertin, der wir die Analyse der neuen Offenheit verdanken, antwortet auf die Frage jedenfalls mit „Ich nicht, aber meine Kasse schon“. In schlechten Momenten träumt sie davon, sich zu fügen und einfach „Biep!“ zu rufen und die Scanner zu imitieren.

Der Supermarkt! Theater der Desillusion, wahre Bühne des Alltagslebens. Fegefeuer der banalen Eitelkeiten. Hier hat noch jeder Kunde sich einmal danebenbenommen, sich lautstark aufgeregt oder kindisch aufgeführt, hat wütend den Wagen stehen lassen oder versucht, an der Schlange vorbei eine bessere Position zu bekommen. In den Supermarkt-Gängen liegen die Nerven blank, alle sind gehetzt, gestresst, nur schnell wieder raus, husch, husch. Und dann die Kinder, die sich auf den Boden werfen, wenn sie nicht die Süßigkeit mit den Hippos drin bekommen. Und die Senioren, die ausgerechnet kurz nach Feierabend ihren Einkauf erledigen. Und überhaupt: Mitmenschen. Müssen die jetzt hier sein? So kommt es, dass an der Kasse allerlei Selbstverständlichkeiten der guten Kinderstube in Vergessenheit geraten.

Acht Jahre lang war die Französin Anna Sam in einem Supermarkt beschäftigt. Als die studierte Literaturwissenschaftlerin keinen Job in ihrer Sparte fand, wurde sie Kassiererin in Rennes. Sie lernte, die Kunden zu lieben und zu fürchten. Um ihrem Frust und ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, begann Anna Sam, einen Internet-Blog zu schreiben. Bald war sie im Netz eine bekannte Persönlichkeit, 600.000 Leser verfolgten ihre Abenteuer, sie bekam viel Post und Ermunterung, trat in Talkshows auf. Dann erschien ihr Buch „Die Leiden einer jungen Kassiererin“ und wurde prompt zum Bestseller; jetzt liegt es auch in Deutschland vor (Riemann, München. 176 S., 12,50 Euro).

Vieles kommt einem peinlich bekannt vor. Es gibt schlaue Kunden und sehr schlaue, schlaue legen etwa die Hälfe der Waren aufs Laufband und verschwinden, um den Rest zu holen. Sehr schlaue stellen den leeren Wagen in die Schlange und bringen zwei weitere, gefüllte mit. Leute, die Rabatt für nicht rabattfähige Artikel verlangen, können schnell zu Furien werden. Kundinnen, die ihr Geld mühsam aus nicht öffentlich zugänglichen Körperstellen herausziehen, entblößen sich ungeniert. Diebe, Strichcode-Schwindler, Betrunkene. Hilflose Omas und männliche Heißsporne, die vor alten Damen keinen Respekt haben. Scham kommt bei manchen Käufern nur auf, wenn es um Kondome oder Damenbinden geht.


Die Fieslinge und Allzumenschlichen, das sind wir. 700 bis 800 Artikel pro Stunde werden von einer Kassiererin registriert, natürlich immer mit dem dazugehörigen „Biep!“. In der gleichen Zeit hebt sie etwa 800 Kilo Waren an, weil die Strichcodes sich auf geheimnisvolle Weise immer auf der Unterseite befinden. In Spitzenzeiten kann das Gewicht auch eine Tonne pro Stunde betragen. Tausende von doch relativ sinnlosen Ein-Cent-Stücken werden an die Kunden ausgegeben. Preise wie 1,99 oder 9,99 Euro führen zu einer fühlbaren Kupfer-Fett-Schicht an den Fingerkuppen. Unaufhörlich sagt die Kassiererin Sätze wie „Die Toiletten sind dort drüben“, und ihr Mantra lautet „Haben Sie eine Kundenkarte?“. An Weihnachten oder Karneval bekommen die Mitarbeiterinnen auch noch ganz lustige Hüte aufgesetzt.

Die Supermarkt-Klage kommt zur rechten Zeit, weist sie doch auf den allenthalben ausgebeuteten und wenig gut beleumundeten Berufsstand hin. Die Kunden mögen sich kaum für die Angestellten erwärmen, und die Arbeitgeber betrachten sie oft als Klientel, die scharf überwacht werden muss. Immer wieder werden Fälle von Bespitzelung öffentlich, bei Lidl, bei Penny, bei Rewe. Versteckte Kameras zeichnen auf, Detektive suchen nach Fehlleistungen.

Anna Sam fragt sich, ob irgendwann die automatische Kasse komme, die die Kassiererin überflüssig mache. Sie kann von Glück reden. Als ihr Gesicht über das Fernsehen bekannt wurde, hat sie gekündigt. Sie schreibt nun ein zweites Buch, die künftigen Schlussverkaufsaktionen dürfen ohne sie stattfinden.

Also, liebe Kunden und Mitmenschen, beim nächsten Einkauf bitte auf folgende Regeln achten. Vergessen Sie die Frage „Sind Sie offen?“. Die Waren bitte mit Strichcode sichtbar präsentieren. Während der Mittagspause keine angebissenen Esswaren oder geöffneten Flaschen aufs Band packen. Wenn Sie angerufen werden, während Sie gerade an der Kasse stehen, gehen Sie nicht ran. Sollten Sie telefonieren, legen Sie auf, lächeln die Kassiererin an und sagen „Guten Tag“. Es ist ganz leicht. Es hilft.

Und wenn wir aus Kundensicht noch etwas hinzufügen dürfen: Liebe Rentner, der Tag ist lang, die Öffnungszeiten werden besser, bitte nicht mehr kurz vor Ladenschluss zum Supermarkt gehen, weil man da so schön in Gesellschaft ist.

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